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Interaktion
Autor: Dr. Ilse Harms
Erstveröffentlichung: 6.12.1996
Letzte Änderung: 6.12.1996
Die Bedeutung des Begriffs Interaktion differiert in den
verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen. Während sich der
soziologische Interaktionsbegriff an einem Grundmodell orientiert,
in dem sich zwei oder mehr Personen, in ihrem Verhalten aneinander
orientieren und sich gegenseitig wahrnehmen können, dient das
Etikett "interaktiv" in der medienbezogenen Wissenschaft zur
Kennzeichnung der medienvermittelten Kommunikation, die sich eben
an dieses Modell der nicht-medien vermittelten interpersonaler
Kommunikationsform annähert. Beeinflußt wurde die Verwendung
dieses Begriffs in dieser Form von der Informatik, da dort
Interaktion den Dialog zwischen Mensch und Maschine bezeichnet.
Die Attribuierung 'interaktiv' hat sich heute - zumindest in der
Medienwirtschaft - für die Medien durchgesetzt, bei denen Abfolge,
Auswahl und Darbietungszeitpunkt der vom Medium zu übermittelnden
Informationen in einem bestimten Ausmaß durch Aktionen bzw.
Reaktionen des Benutzers auf die jeweils aktuell dargebotenen
Informationen bestimmt werden können. Dies stellt eine Abgrenzung
dar gegenüber "linearen" Medien (z.B. Buch) oder "selektiven"
Medien" (z.B. dem Fernsehen), bei denen der Benutzer lediglich
eine Auswahlentscheidung trifft, die Informationsabfolge dann aber
im wesentlichen von ihm unbeeinflußt dargeboten wird.
Um dem jeweiligen interaktionsermöglichenden Potential der Medien
näher zu kommen, sollten diese in zwei unterschiedlichen Klassen
unterschieden werden:
- in Medien, die die zwischenmenschliche Kommunikation erlauben, d.h. Medien als Mittel der Kommunikation wie die computervermittelte Kommunikation,
- in Medien als Kommunikationsparntner, sogenannte interaktive Medien.
Interaktivität zur Kennzeichnung von Medien ist allein allerdings
auch noch nicht aussagekräftig, da es sich dabei nicht um ein
Merkmal, sondern um eine Merkmalsdimension handelt. Insbesondere
im Rahmen der Entwicklung von Lernprogrammen hat sich die
Erkenntnis durchgesetzt, daß allein die Möglichkeit eines Dialoges
noch nichts über dessen Qualität aussagt. Entscheidend ist u.a.
die Differenziertheit der Eingabenanalyse, die Differenziertheit
und Variation der Rückmeldung, das Ausmaß und die
Differenziertheit der weiteren möglichen Verzweigungen.
Kommunikation als gemeinsame Konstruktion von Bedeutung ist ein
dynamischer Prozeß. Aus der gegenseitigen Einschätzung der
jeweiligen Kommunikationspartner und deren Interpretationen der
Aussagen resultieren wechselseitige Erwartungen an das zukünftiges
Verhalten des anderen. Darüberhinaus werden auch die Erwartungen
des jeweils anderen antizipiert, d.h. daß gegenseitige
"Erwartungs- Erwartungen" den Kommunikationsprozeß strukturieren.
Während demnach der interpersonale Kommunikationsprozeß dynamisch
durch sich reflexiv verschränkende Vorstellungen geprägt wird, ist
diese Dynamik bei interaktiven Medien eingeschränkt. Hier ist der
Partner eine Maschine, ein Computerprogramm, bei dessen Konzeption
der Autor bestimmte Annahmen über den Nutzer zugrundelegt. Die
selbstgesteuerte individuelle Vorgehensweise stößt an die Grenzen
des Systems, wenn die von ihm gewählten Möglichkeiten im Spektrum
des Sytems nicht vorgesehen sind. Insgesamt sind wir damit bei
dem Problem der Individualisierbarkeit der Wissensbereitstellung.
Da Wissen nur dann erworben werden kann, wenn dieses in
vorhandenes Wissen integriert werden kann, d.h. an Vorwissen
anschließt, kommt aber gerade der individualisierten
Wissensbereitstellung besondere Bedeutung zu. Aus diesem Grund
können Lernprogramme auch den Lehrer nicht ersetzen, sondern die
Lernumgebung bereichern.
Literaturempfehlung:
Auf die Möglichkeiten der Gestaltung der Interaktionskomponente bei Lernsystemen geht detailliert ein:
- Euler, Dieter 1992: Didaktik des computerunterstützten Lernens. Praktische Gestaltung und theoretische Grundlagen.
- Holz, Heinz & Zimmer, Gerhard (Hrsg.), Multimediales Lernen in der Berufsbildung, Band 3. BW Bildung und Wissen Verlag und Software GmbH, Nürnberg.
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